Autor: Tina Maurer, Paul Alpar und Patrick Noll
Titel: Nutzertypen junger Erwachsener in sozialen Online-Netzwerken in Deutschland. In: Alpar, P., Blaschke, S. (Hrsg.) (2008): Web 2.0 – Eine empirische Bestandsaufnahme. Wiesbaden: Vieweg+Teubner, GWV Fachverlage. S. 207-232.
Veröffentlichungsdatum: 2008
Die Untersuchung möchte die bisherige Forschung zur Online-Nutzung (wie die ARD/ZDF Online Studie , die darauf basierenden Online-Nutzer-Typologie oder den (N)Onliner Atlas von TNS Infratest) und Web 2.0 (hier wird Web 2.0: Nutzung und Nutzungstypen von Haas, Trump, Gerhards und Klingler gennant) um eine Typologie speziell für Nutzer von sozialen Online-Netzwerken erweitern.
Mittels einer Online-Befragung wurden Daten von jungen Erwachsene zwischen 20-39 Jahren erhoben (bereinigte Stichprobe: 361 Fälle), welche z.T. von den Autoren privat über studiVZ und Xing angeschrieben, teilweise über Links in Gruppen dieser Plattformen oder auf anderen Homepages zur Teilnahme eingeladen wurden. Für diese Altersgruppe wurde sich mit Verweis auf die ARD/ZDF Online Studie entschieden, da sie fast ausschließlich die Nutzer von Social Networking Sites (SNS) darstellten. Jüngere Plattformuser wurden auf Grund ihrer von den Älteren sehr verschiedenen Lebenssituation (keine Praktika/Berufserfahrung, meist Klassenverbände, bisher nur ein Wohnort) nicht berücksichtigt. Die Ergebnisse können aufgrund der Art der Rekrutierung jedoch keine Repräsentativität für 20-40jährigen beanspruchen.
Der Fragebogen enthielt Blöcke zur allgemeinen Internetnutzung, zum Nutzungsverhalten von Online-Netzwerken sowie zur Soziodemographie. Außerdem wurde abgefragt, auf welche Plattform (StudiVZ, Xing, Lokalisten…) sich der Teilnehmer beziehe. Um die Frage zu beantworten, ob sich die Nutzer solcher Plattformen in der Motivation für ihre Teilnahme an SN unterscheiden, wurden per Faktorenanalyse aus neun vorgebenen Motiven und einer offenen Kategorie die vier Faktoren
- „Persönliches (Kontakte Pflegen, alte Freunde/Bekannte suchen, neue Kontakte Knüpfen, Personen mit gleichen Interessen finden)
- Nützliches (Jobsuche, Geschäfte anbahnen/abwickeln, Hilfe suchen/ Wissensaustausch)
- Gruppenkommunikation (Beiträge in Diskussionsforen lesen, Beiträge in Foren veröffentlichen)
- Hilfsfunktionen (z.B. Terminvereinbarungen oder Adressbuchverwaltung)“
gebildet, die zusammen eine erklärte Varianz von 70,6% aufweisen. Aufbauend auf diesen Faktoren nahmen die Autoren eine Clusteranalyse zur Segmentierung von Nutzertypen vor (5 Cluster; erklärte Varianz: 56,2%):
- Gelegenheitsnutzer (n=133, 38,6%): sie bilden die größte Gruppe, zeigen aber für jedes der möglichern Nutzungsmotive nur geringe Ausprägungen. Daraus schließen die Autoren, dass diese Gruppe SNS aus Neugierde, weil es gerade Trend zu sein scheint, oder ähnlichen Gründen beitritt; z. T. wird sogar explizit Gruppenzwang als Teilnahmegrund genannt. Profilinformarmationen, Kontaktdaten und Foto werden von dieser Gruppe unterdurchschnittlich häufig aktualisiert.
- Spezialisten (n=69, 20%): Auch ihnen wird bis auf den Faktor Hilfsfunktionen eine geringe Motivation attestiert. Sie nutzen SNS als eine Art Adressbuch um automatisch aktualisierte Daten ihrer Kontakte zu besitzen; die eigentliche Kommunikation findet dann jedoch über andere Kanäle statt.
- Beruflich Orientierte (n=55, 15,9%) beziehen sich in ihren Angaben häufiger als andere Cluster auf das Netzwerk XING und haben einen überdurchschnittlichen Anteil an Angestellten (im Vergleich zu Studenten, Auszubildenden, Jobsuchenden etc.). Häufiger als andere Nutzergruppen bedeutet der Networking-Gedanke für sie, die eigene Person zu positionieren. Signifikant häufiger nutzen sie die Möglichkeiten der Personensuche und des Anzeigens von Verbindungspfaden zu anderen Personen sowie die Jobsuche, schreiben aber unterdurchschnittlich viele Nachrichten auf Pinnwände1.
- Kommunikatoren (n= 49, 14,2%) beteiligen sich stark an Diskussionen in Gruppen, mit dem Lesen und Verfassen von Beiträgen und weisen mit 9,2% einen vergleichsweise hohen Prozentsatz von neu geknüpften Kontakten auf. Zusammen mit den Intensivnutzern verbringen sie signifikant weniger Zeit mit dem Versenden von E-Mails, was auf eine Verlagerung der Kommunikation auf die Plattform schließen lässt.
- Intensivnutzer (n=39, 11%) verbringen mit über 24 Stunden pro Woche die meiste Zeit im Internet und halten bei allen Nutzungsmotiven einen überdurchschnittlichen Anteil, woraus die Autoren „(mit) die höchste Motivation für die Nutzung von SN“ folgern. Sie nutzen alle Aktionsmöglichkeiten/ Kommunikationsmöglichkeiten einer Plattform überdurchschnittlich oft und sind signifikant häufiger als Mitglieder anderer Nutzertypen Moderatoren einer Gruppe.
Ein weiteres Item fragte die Grundgedanken des Networkings ab, wobei Mehrfachantworten möglich waren. Nach Plattformen aufgegliedert zeigte sich bei allen Kommunikation (mit 86,3% bei studiVZ und 84,9% bei Xing) als wichtigster Gedanke. Bei studiVZ standen Spaß & Zeitvertreib (81,3%) sowie Geben & Nehmen (30,3%) auf den Plätzen 2. und 3. Den Nutzern von Xing ist Geben & Nehmen auf dem zweiten Rang mit 60,3% deutlich wichtiger. Danach folgen die eigene Positionierung sowie Spaß & Zeitvertreib mit je 39,7%. In Bezug auf Geschlechterunterschiede fällt auf, dass sich zwar die gleiche Rangfolge ergibt, die Prozentwerte der Zustimmung unter den Frauen jedoch jeweils höher sind. Deutlich weniger Männer wählten beispielsweise die Aussagen „Geben & Nehmen“ (31,6% der Männer, 40,8% der Frauen) und „Eigene Positionierung“ (16,9% und 27,2%).
Angelehnt an Granovetters Konzept der weak and strong ties sowie deren Merkmalsdefinition von Nicola Döring wurde die Bindungsstärke auf SNS erhoben. 90,2% der dort artikulierten Kontakte sind persönliche Offline-Bekanntschaften, was Befunde anderer Studien bestätigt. Nutzer von Xing sind etwas stärker als solche von studiVZ daran interessiert neue Kontakte über die Plattform zu knüpfen. Die Fragen zu Transitivität (“Meine Kontakte haben oft die gleichen Kontakte wie ich“) und Multiplexität („Meine Kontakte haben die gleichen Interessen wie ich“) werden größtenteils bejaht, zum Commitment („Gegenseitige Unterstützung/hohe Erwartung“) dagegen verneint. Zur Emotionalität fiel die Einschätzung („Sind emotional eng mit mir verbunden“) indifferent aus.
Im abschließenden Fazit finden sich einige interessante Schlussbemerkungen, wie etwa, dass etwa 40 Prozent der Befragten zwar Mitglieder von SNS seien, aber nur ein geringes Aktivitätsniveau aufweisen; dass die Mehrzahl der Nutzer emotionale Unterstützung ihrer Kontakte weder erfahre noch erwarte, es sich also eher um weak ties als strong ties handele; und dass Nutzer trotz ähnlicher Demoskopie verschiedene Nutzungsweisen zeigen.
- Einige dieser Ergebnisse ergeben sich wohl aber auf Grund der Spezifität des Plattform-Codes. So ist ein Anzeigen von Verbindungspfaden oder die Jobsuche auf studiVZ nicht möglich [↩]
2 Nutzer kommentierte(n) " Nutzertypen von Networking-Plattformen "
Die Kommentare als RSS Feed - einen Trackback hinterlassen[...] Social Network Sites (u.a. eine Studie zur niederländischen Plattform Hyves sowie eine Nutzertypologie, die wir im Projektblog “Jugendliche und Web 2.0″ näher vorstellen) und Social News – hier leider nur ein Artikel, der aber auf den ersten Blick sehr spannend [...]
[...] webosoph (Zahlen für deutsche Nutzer nach Forrester Analyse Tool:) 4. Nutzertypen von Networking-Plattformen (Maurer/Alpar/Noll, [...]
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