Ein Merkmal von Kontaktplattformen wie schülerVZ, XING oder myspace ist, dass Besuchern einer Profilseite u.a. auch angezeigt wird, wie viele andere Personen der betreffende Nutzer zu seinen Freunden zählt. Wobei der Begriff “Freund” (wahlweise auch “Kontakt”) in diesem Zusammenhang etwas anderes bedeutet als im alltäglichen Sprachgebrauch: Es ist nichts Besonderes, dass Nutzer mehrere hundert, in Extremfällen sogar mehrere tausend andere Personen zu seinen “Freunden” zählt. Ganz offensichtlich können dies nicht alles enge Freunde sein, sondern es sind (je nach Ausrichtung der Plattform) auch entfernte Bekannte, Schüler von der gleichen Schule, Kollegen o.ä., die man zur Liste seiner online-Kontakte hinzufügt. Soziologisch ausgedrückt, können also über solche Plattformen sowohl “strong ties” als auch “weak ties” abgebildet werden, die aber allesamt unter eine Rubrik – die “Freunde” oder “Kontakte” – gefasst werden.
Ethnographisch-qualitative Studien (z.b. von danah boyd) haben eine Reihe von Motiven herausgearbeitet, warum man auf Kontaktplattformen auch eher lockere Bekannte oder sogar Menschen, mit denen man bislang weder online noch offline viele Worte gewechselt hat, zu seinen “Freunden” hinzufügt: Dazu zählt bspw. der Wunsch, das eigene soziale Netzwerk umfassend abzubilden und quasi “auf standby” zu halten, aber auch Normen und Konventionen, dass es unhöflich sei, ein Kontaktgesuch abzulehnen. Für manche Nutzer mag es schließlich auch ein Bedürfnis sein, möglichst viele Kontakte zu knüpfen, um den eigenen Status zu heben: Je mehr Menschen ich kenne (und dies auf der Plattform sichtbar mache), desto erfolgreicher, beliebter, besser bin ich.
Ein Forscherteam der Michigan State University hat nun eine Untersuchung darüber vorgelegt, inwieweit die Anzahl der Freunde einen Einfluss auf die wahrgenommene Popularität bzw. Attraktivität hat. Dazu haben sie ein Experiment durchgeführt, in dem Versuchspersonen ein fiktives Profil der Plattform “facebook” vorgelegt bekamen – die Anzahl der Freunde dieser fiktiven Person variierte aber zwischen 102 und 902 Freunden. Die Versuchspersonen sollten u.a. angeben, für wie attraktiv und für wie extrovertiert sie diese fiktive Person halten. Das Ergebnis: Der Zusammenhang zwischen Freundesanzahl und wahrgenommer Attraktivität ist umgekehrt U-förmig: Am attraktivsten wurde das Profil mit 502 302 Freunden eingeschätzt, wohingegen weniger, aber auch mehr Freunde die Attraktivität senkten. Das gleiche Ergebnis zeigte sich in Bezug auf die Einschätzung der Die Extrovertiertheit der fiktiven Person wird bei 502 Freunden am höchsten eingeschätzt.
Die Autoren der Studie folgern daraus mehrerlei: Menschen formen ihre Eindrücke über einen anderen Nutzer auf Kontaktplattformen auch (aber sicher nicht ausschließlich) aufgrund der Anzahl von Freunden, die diese Person hat. Eine höhere Freundesanzahl gilt dabei als Ausweis von größerer Attraktivität (was auch Ergebnisse älterer Studien über offline-Beziehungen bestätigt), aber ab einem bestimmten Punkt kippt diese Einschätzung: Menschen mit sehr vielen Facebook-Kontakten gelten möglicherweise als zu computerfixiert und unfähig, Kontakte auch im “echten Leben” aufrecht zu erhalten, und werden deswegen als weniger attraktiv und extrovertiert eingeschätzt.
Die vollständigen Ergebnisse finden sich hier:
Stephanie Tom Tong, Brandon Van Der Heide, Lindsey Langwell, Joseph B. Walther (2008) : Too Much of a Good Thing? The Relationship Between Number of Friends and Interpersonal Impressions on Facebook. In: Journal of Computer-Mediated Communication 13 (3) , 531–549.
PS: Die Autoren haben vor einiger Zeit bereits eine Studie publiziert, in der sie die Auswirkung der Fotos von Freunden und deren Kommentaren auf die wahrgenommene Attraktivität eines Profileigners untersuchen; eine Zusammenfassung findet sich hier.
4 Nutzer kommentierte(n) " Steigt die Attraktivität mit der Anzahl der Freunde? "
Die Kommentare als RSS Feed - einen Trackback hinterlassen[...] hat sich zu Wort gemeldet? » Steigt die Attraktivität mit der Anzahl der Freunde? Jugendliche und Web 2.0: Ein Projektbl… bei StudiVZ-Nutzer, umgebt Euch mit attraktiven Freunden!der_Hendrik bei Essay für “Berliner [...]
Sehr geehrter Herr Schmidt,
erstmals danke für ihre informativen Seiten und Blogs, auf die ich beim Lesen ihres Buches “Das neue Netz” (*großes Lob*) gestoßen bin ….
Ich habe gerade die Studie von Tong u.a. vor mir liegen und es scheint mir, dass das Profil mit 302 Freunden als das am attraktivsten beurteilt wurde, und das mit 502 Freunden als das am extravertiertesten… Oder hab ich da was falsch verstanden?
Vielen Dank &
liebe Grüße aus Österreich
Hmmm, ich habe gerade nochmal in den Aufsatz reingeschaut – in der Tat, da habe ich die verkehrte Zahl eingefügt; ich hab den Text grad mal korrigiert. Herzlichen Dank für den Hinweis!
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